von Simon Gerber

Im Mai 2013 war ich auf La Palma (kanarische Inseln). Am Rande nahm ich von einem Bergrennen namens Transvulcania Kenntniss. 74km mit über 4000hm hoch und wieder runter. Also was es nicht alles gibt... ;)
Jobwechsel, Umzug = neues Hobby. Berglauf bot sich in Zermatt hervorragend an. Es machte mir so viel Spass, dass ich zwei Jahre später, selbst teilnahm.
Die Zeit von 10 Stunden war ok.
Die Strecke und insbesondere die Atmosphäre hatte mich so sehr beeindruckt, dass ich mich fürs Rennen im 2016 erneut anmeldete.

Einiges hatte sich verändert. Seit Juni 2015 trainierte ich unter der Anleitung von Coach Timon Abegglen (Marmota Trailrunning).

Ein richtiges Grundlagentraining war für mich neu. Anstatt nächtliche Läufe am Pistenrand stand viel Velo und Krafttraining an. Besonders das mehrstündige abstrampeln, auf einem Hometrainer, war gewöhnungsbedürftig! Ich vertraute Timon von Anfang an. Sein Fachwissen ist top!

Die Vorbereitungen liefen jedoch nicht optimal. Außergewöhnlich viele Erkältungen, die ganz Zermatt heimsuchten und eine kleine Verletzung zerrte je länger desto mehr an meiner Geduld.

Timon machte einen super Job. Stets motivierte er mich. Aus der Not eine Tugend machen, wurde mir mehrmals verinnerlicht.

Ich war glücklich, überhaupt starten zu können.

Um 3:00 klingelte der Wecker. Buße bringen die 1800 Läufer an den Start. Die knapp zweistündige Wartezeit, beim Faro de Fuencaliente auf Meereshöhe, verging relativ rasch. Zumal es dieses Jahr nicht so kalt und windig war.

Punkt 6:00 geht's los. Sprintstart!!! Ich bin im Feld der ersten 150 Läufer. Schubsen, Ellbogen usw. - alle wollen schnellstmöglich auf den schmalen Trail, der nach 400m beginnt. Vor mir ein übler Sturz, ich springe über einen gestürzten Läufer. Dass meine Stirnlampe, kurz vor dem Start, den Geist aufgab passte bestens zur gesamten Vorbereitung. ;)

Die Strecke im Lichtkegel des vorderen Läufers einprägend vergehen die ersten 20min bei hohem Tempo sehr rasch. Das gröbste Gewühl ist vorbei. Ich nehme ein bisschen Speed raus.
Nach 50min und einem netten Gespräch mit einem spanischen Läufer erreiche ich Los Canarios. Es ist Samstag Morgen kurz vor 07:00, die Strassen sind voll, es läuft Musik! Unglaublich!

 

Durch Kiefernwald geht's stets aufwärts. Teils tief sandige Trails sind anstrengend zu laufen. Ich halte mich zurück. Der Sonnenaufgang mit Blick auf die Nachbarinsel Teneriffa entschädigt für die Strapazen.
Nach 19km und 1900hm Anstieg sieht man, weit am Horizont, den riesigen Vulkankrater und den endlos langen Abstieg, den es später noch zu absolvieren gilt. "Abschnitt für Abschnitt!" Ich verinnerliche mir Timons Worte.

Eine Minute zurück im Rennplan, und 12 Minuten später als letztes Jahr, erreiche ich bei Kilometer 24 die erste große Verpflegungsstation in Pilar. Ich erhalte einen neuen Rucksack.

Es geht mir gut. Trotz den Schwierigkeiten der letzten Monate wollte ich versuchen, ab hier ein bisschen Tempo zu machen.
Nach 6km auf einem coupierten jedoch breiteren Weg beginnt der nächste harte Anstieg zum Punto de las Roques. Im Vergleich zum Vorjahr geht's mir bestens. Das motiviert. Ich führe sogar eine kleine Gruppe an. Die Spanier loben fürs Tempo. Nach einer Weile bin ich alleine. Weitere Läufer hole ich ein.

 

Dieses Jahr ist die Strecke ca. einen Kilometer sowie 200hm Anstieg länger als im Vorjahr. Nachdem mehrere Läufer im Vorjahr kollabierten, war ein zusätzlicher Verpflegungsposten unumgänglich. Nach 42km fülle ich meine Trinkflaschen. An allen Verpflegungsststionen gibt es viele Helfer.

Die nächsten 7km sind ein stetiges Auf und Ab. Schroffes Vulkangestein und gut laufbare Trails wechseln stetig. Herrliche Aussicht, mit rundum Nebelmeer. Als mich Anna Frost zweimal fragt, ob ich vorbei wolle, weiß ich, es ist ein guter Tag. Schließlich ist sie Streckenrekordhalterin bei den Frauen. Der letzte Aufstieg zum höchsten Punkt der Insel, des Roque de Muchachos auf 2400m, klappt gut. Ich verpflege mich ausgiebig. Hier beginnt ein knackiger Downhill von 18km bis Meereshöhe.
Kurz nach dem Verlassen des Checkpoints überholt mich ein Läufer mit hohem Tempo. Ich entscheide mich, ihm zu folgen. Er ist schnell, ich lasse ihn nicht aus den Augen.
Das Gelände ist schwierig und technisch. Messerscharfes Vulkangestein und grosse Bolensteine verzeihen keine Fehler. Unzählige Läufer werden später mit blutenden Wunden im Ziel einlaufen.

Wir lassen es richtig krachen und machen zusammen viele Plätze gut.

Im unteren Teil erfrischt er sich an einem kleinen Posten mit kaltem Wasser. Ich ziehe vorbei.

In der Höhe war es deutlich kühler als im Vorjahr, jetzt, unter der Wolkenschicht, jedoch drückend heiß. Die letzten 4km Abstieg verlaufen auf Belag, teilweise extrem steil, in Falllinie! Meine Oberschenkel brennen! Vor lauter Konzentration im technischen Teil ging das ganz vergessen! Die letzten Höhenmeter runter bis zum Puerto Tazacorte, verlaufen schwindelerregend mit Spitzkehren. Ab hier ist das Ende absehbar. Überall auf der Strecke wird man angefeuert. Hier ist aber nochmal so richtig die Hölle los. Ich lasse den Verpflegungsposten aus.

Im vertrockneten Flussbett, mit grossen Steinen, mache ich noch einen Platz gut. Die letzten 300hm Serpentinen aufwärts sind eine Qual. Endlich in Los Illanos angelangt, beginnen die letzten 2km flach, die ich in einer flotten 5er-Pace durchlaufe. Je näher man sich dem Ziel nähert, umso mehr Hände gibt es abzuklatschen. Sogar ein doppelhändiger von einem ca 70-jährigen Opa. :)

Der Zieleinlauf ist unglaublich! So viele Leute und so eine tolle Stimmung!! Sensationell!

Nach 8std50min laufe ich überglücklich im Ziel ein.

Über den 40. Gesamtrang, in einem so starken Teilnehmerfeld mit 80 eingeladen Läufer aus aller Welt, freue ich mich sehr.

Der Transvulcania ist ein Highlight! Allen, die sich vor dem Downhill von Kilometer 50 bis 68 nicht fürchten, kann ich den Lauf sehr empfehlen. Die Stimmung ist einzigartig, die Strecke hart aber toll und die Insel wunderschön.

Ebenfalls sehr empfehlen kann ich das Coaching von Marmota Trailrunning. Ein strukturierter Trainingsplan, unter fachkundiger Anleitung, zahlt sich aus!