von Timon Abegglen

So langsam klingt meine Erkältung ab und nachdem ich die letzten drei Tage zu Hause mehr oder weniger in der Horizontalen verbracht habe, versuche ich mich nun an ein paar Zeilen.
Es fällt mir immer noch sehr schwer, das Geschehene in Worte zu fassen. Die Gedanken rotieren ständig, was wäre wenn? hätte ich doch irgendwie weitermachen können? Ist eine Erkältung ein Grund, einen Abenteuer aufzugeben? Die Überlegungen, dass ich mit Erkältungsmedikamenten vermutlich finishen hätte können, haben mich selbst erschrocken. Wie weit bin ich bereit, zu gehen? Nur meine absolut kategorische Haltung gegenüber Laufen unter jeglicher Form von Medikation hat mich am Ende gestoppt.
Vermutlich werde ich länger benötigen, um das Erlebte am Dragon's Back Race 2017 zu verdauen.

 

Am Ende wurden es für mich anstatt fünf Tage Welsh Mountain Running mit 315km und 15'500Hm+ leider nur zweieinhalb Tage mit 135km mit 8850Hm+. "This is not a trail race", die Worte von Renndirektor Shane Ohly hallen mir in den Ohren nach. Nein, das ist es wirklich nicht. "Think like a sheep, but do not be as stupid as a sheep." Auch kein schlechter Tipp. Dieses britische Fell-Running hat schon eine ganz eigene, anziehende Faszination.

 

Es ist ein Adventure-Race, ein Ultra-OL unter erschwerten Bedingungen. Roughes Terrain, tricky Navigation; Karte und Kompass muss man definitiv beherrschen! Insbesondere im Nebel, wenn die Sichtweite unter 50m oder gar unter 10m sinkt. Interessant auch bei anderen zu sehen, wie GPS-Laufen an seine Grenzen stösst. Dazu fieses Klima mit schnellen Wetterwechseln und durchaus windigen Momenten - und dies nach einem extrem trockenen Winter und beim besten Wetter was man sich wünschen kann. Wenn das Wetter da mal schlecht ist, uiuiui.
Bessere und "einfachere" Bedingungen wie heuer sind kaum denkbar. Und trotzdem nur 55% Finisher.

Rico auf dem Crib Goch. Erkundungstour vor dem Rennen; beim Rennen wars hier windig, dichter Nebel/Wolken und wenig Sicht. Pic by Timon Abegglen

 

Ich glaube, das Elend begann schon zwei Tage davor. Wir waren am Freitag auf dem Crib Goch, kurze Reko. An sich perfekt und ich würde dies das nächste Mal wiederholen. Im Rennen war ich da 20min schneller als bei der Reko und hab in der Felswand beim Scrambling ein paar überholt. Aber wir waren Freitags zu langsam und zu lange da oben - oder ich war einfach zu dünn angezogen.
Der Sonnenuntergang Abends von Pen-y-Pass aus zu sehen war allerdings ein wahres Highlight!
Dann sind wir am Samstag ewig und drei Tage in Conwy und in Llandudno rumgewandert. Wir mussten noch ein, zwei Dinge besorgen. Am Ende hatte ich zu wenig und das Falsche angezogen und zwei, drei Stunden gefroren.

Sonnenuntergang vom Pen-y-Pass; Pic by Timon Abegglen

 

Der Sonntag verlief etwas gemütlicher, das ganze Gepäck musste vom "Reise-Modus" in den "Race-Modus" umgepackt werden, technischer Check, Startnummer-Ausgabe, alles wie gewohnt, alles absolut reibungsfrei und top organisiert. Abends Instruktions-Meeting wo nochmals einiges an Informationen, gerade sicherheitsrelevante, wiederholt wurden, welche man eigentlich in der Vorbereitung schon längst zum x-ten Mal gelesen haben sollte. Trotzdem wars ganz lustig, der trockene Humor von Shane lockerte das Ganze auf. Nach einer Stunde gabs ein feines Abendessen und kurz darauf verzogen wir uns ins Hostel.

 

Cooole Truppe; Pic by Oliver Gyger

1. Etappe
Die erste Etappe verlief für mich einfach super perfekt, sehr kontrolliert, das Gelände mit den ausgesetzten Stellen um Crib Goch sowie den technischeren Kraxeleien um Tryfan und entlang dem Horseshoe lagen mir. Auch die vielen Grate und Traversen zwischen Drum (CP4) bis Pen Yr Ole Wen (CP10) waren für mich ein Highlight. So kam ich den Umständen entsprechend - 9:49h Mountain Running spürt man natürlich - frisch im Camp an. Auch die Navigation mit Karte und Kompass funktionierte einwandfrei, dies war im Vorfeld für mich ein Fragezeichen, gab nun aber Sicherheit. Allerdings hatte ich danach am Abend und später in der Nacht übel Schluckweh. Das war schon ein schlechtes Zeichen am Horizont.

Start! Pic by DBR 2017

 

2. Etappe
Am Morgen wars besser, Start Etappe zwei. Zu Beginn für einmal ein paar Meter auf einem netten Strässchen, bevors ab ins Off-Trail-Gelände ging. Cnicht (CP1) war nicht ganz einfach anzulaufen, trotzdem gelang dies super. Im Übergang zu Moelwyn Mawr (CP2), kurz nach dem Seelein "Llynnau Diffwys" bei unter 50m Sicht dann der einzig gröbere Navigationsfehler und ca. 30min Zeitverlust. Temporär von Zwischenrang 19 auf 82 zurück, im Verlauf des Tages aber wieder gut nach vorne.
Kurz nach CP3 beim Stausee Llyn Stwlan wurden Oliver und ich vom späteren Sieger Marcus Scotney eingeholt. Wir konnten uns ihm kurz (okay, seehr kurz!) an die Fersen heften und fanden so einen ziemlich coolen Shortcut fast direkt zu CP4. Hier zeigte sich wieder eindrücklich der Vorteil der "Locals", welche seit Wochen das Gelände auskundschaften konnten.
Später dann, zwischen Rhinog Fawr (CP7) und Y Llethr (CP9), hats mich komplett verbretzelt. Warum war mir etwas rätselhaft. Ich schobs danach darauf, dass ich mir dummerweise im Nebel am Morgen keine Sonnencrème aufgetragen habe und mich da verbrannt habe. Jedenfalls unterlief mir direkt bei CP8 ein weiterer Navigation Mistake. Ich stieg zu sehr westlich ab, fand mich mitten in einer steilen Felswand wieder und kletterte danach erstmal knapp 100m in der Wand nach Osten. Dann auf Höhe bleiben und über ein verblocktes Feld wieder in die richtige Richtung...
Am Ende wars aber trotzdem eine starke Etappe, nach zwei Tagen overall Rang 30 war ich sehr, sehr happy!

 

3. Etappe
In der zweiten Nacht wusste ich, dass etwas nicht mehr gut ist. Brutales Hals- und Schluckweh, Rotzerei, Husterei...
Am Morgen ein wenig besser, fühlte ich mich trotzdem wie ein Stück Schwamm. Mandatory Route rüber nach Dolgellau war easy zu laufen, schön durch ein paar Weiler und Wäldchen, alles sehr idyllisch, für einmal ein paar Meter Asphalt war auch ganz nett, es ging eigentlich gut. Ein flotter 7min/km-Schnitt, haha :-D Damit war ich ziemlich einverstanden.
Gau Graig (CP1) erreichte ich dann etwas angeschlagen und zwischen CP1 und CP2 (Cadair Idris) wurde ich richtig krank. Keine Stimme mehr, nur noch flüstern, Schädel dicht... zwischen CP2 und CP3 (kurz hinter Craig-Y-Llyn) wäre gut laufbar gewesen und man hätte für einmal gut Kilometer machen können. Ich musste langsam hiken, ein Atmen ging nur noch durch die Nase. Sobald ich etwas anzog und durch den Mund atmen musste bekam ich keine Luft mehr und der Hals brannte höllisch.
Nach CP3 folgte ein relativ direkter Abstieg bis zur Nantcaw Fawr Farm und ab gings auf eine lange Mandatory Route. Auch die wäre über weite Strecken laufbar gewesen. Auch hier war ich am hiken. Ich beschloss, wenigstens bis zum heutigen Service Point bei CP6, kurz hinter Machynlleth, zu hiken - vielleicht würde ich dort ja doch den Cut-Off schaffen, vielleicht würde ja doch ein Wunder geschehen und mir würde es besser gehen. Allerdings wurde mein Zustand immer Schlimmer und ich traf am Ende der Mandatory auf Jonathan, der die Buslinien (und Pubs) der Region kannte. Zusammen sind wir dann erstmal eine Stunde ins Pub in Abergynolwyn, das kalte Bier hat dem Hals geholfen. Und natürlich aus dem Wind raus zu sein.
Jedenfalls wars da aus. Zwei Buslinien später erreichten wir den SP, eine Stunde Autofahrt später das Overnightcamp.

 

Material
Einmal mehr bewährte sich das Tapen der Fussgelenke mit elastischem, selbsthaftendem Tape. Mit einem dünnen klassischen Laufsocken schlüpfte ich in die wasserdichten Sealskinz-Socken. So "präpariert" machte mir auch der streckenweise knöchel- bis schienbeintiefe Bog (ja, die Waliser kennen verschiedene Begriffe für "Sumpf"; wenn ich das richtig verstanden habe ist alles unter hüfttief "bog" während alles bis zum Hals dann "swamp" ist. Oder so ähnlich) nichts aus. Meinen Füssen gehts super; mit dafür verantwortlich ganz sicher auch der Columbia Montrail Caldorado II. Das er sich als Trailrunning-Schuh auch fürs Fellrunning empfehlen kann ist stark. Grip war überall gut bis sehr gut. Hätte es eine Woche lang geregnet müsste das Profil vielleicht etwas tiefer und die Gummimischung der Sohle etwas weicher sein. So aber perfekt; Sumpf, nasses Gras, Fels; alles gut! Einfach ein exzellenter Allrounder. Tested tough!!
Die Montrail-Bekleidung hat sich ebenfalls bewährt. Nur fürs Overnightcamp werde ich nächstes Mal zusätzlich eine Daunenjacke und eine Daunenweste einpacken müssen. Auch eine lange Überhose wäre gut.
Fürs Camp hatte ich den wasserdichten Caldorado II Outdry Extreme dabei, der war auch ganz angenehm um sich im Camp zu bewegen. Den Fluidflex habe ich bei dem roughen Terrain nicht getraut auszuprobieren, obwohl er vermtlich ebenfalls funktionieren würde.
Die Compex Trizone Calfs sind sehr stabil und darum gerade für dieses dichte kratzige Gestrüpp, welches wir querten, definitiv zu empfehlen.

Montrail Caldorado II; definitiv eine Empfehlung. Pic by Timon Abegglen

 

Logistik
Ein paar Verbesserungen fürs 2019 würde ich doch vornehmen wollen. Neben der Anreise zu allererst den Drybag, den ich dabei hatte. Er hat funktioniert, allerdings wäre einer mit seitlichem Zugriff deutlich besser. So musste ich morgens ganau überlegen, was ich nach der Rückkehr abends als Erstes brauchte werde und dies dann zuletzt oben einpacken. Man kann sich vorstellen, dass immer das, was gerade am Dringendsten gebraucht wurde, zuunterst im Drybag gelandet ist. Dadurch dauerte es auch länger als nötig, bis ich nach der Etappe jeweils die wärmeren Camp-Klamotten gefunden hatte. Wie gesagt; frieren ist im Rahmen des DBR schlecht.

 

Essen
Generell setzte ich auf das Sponser Competition Ultra (3x70g pro Tag) plus das Sponser Ultra Pro (1 Sachet pro Tag). Dies würde ich künftig exakt genauso handhaben. Kopf und Körper waren stets super versorgt. Activator und Aminoshots, Riegel ... soweit das Übliche, was super funktioniert bei mir. Dazu Recovery im Camp.
Dazu allerdings noch Trockenfrüchte (die Physalis waren geil!), Nüsse, Babybel, Trockenfleisch, Basler Leckerli, paar Snickers. Insgesamt 3900kcal zusätzlich zum Catering im Overnightcamp. Erst dachte ich noch, dies sei massiv zu viel. Am Ende käme ich wohl tatsächlich mit etwas weniger durch, aber 3000-3500 brauche ich tatsächlich. Nüsse haben nicht funktioniert; würde ich das nächste Mal weglassen.

 

Das Rennen ist enorm anspruchsvoll. Alle sind super nett und es wird von der tollen Crew alles getan, dass die Teilnehmer sich voll aufs Rennen konzentrieren können. Hier hast du die Karte, da sind die CP's, geh laufen. Das ist alles. Der Anspruch kommt allein von der Natur, was mir so richtig gefällt. Es ist niemals langweilig, niemals tote Strecke, niemals unfair. Es ist kein "Wander-Rennen"; die Cut-Offs sind sportlich. Ein paar Meter muss man schon rennen können... ;-)

 

Das Rennen ist definitiv eines der Schönsten, wenn nicht das Schönste, welches ich je gelaufen bin. Auch darum möchte ich unbedingt im 2019 - das DBR findet nur alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Cape Wrath Ultra statt - einen zweiten Anlauf wagen.
Ein paar Dinge werde ich dann anders machen, zwei Seiten mit Notizen sind jetzt schon erstellt.

 

Nun aber erst wieder einen Ingwer-Tee.

 

Renn-Infos: www.berghausdragonsbackrace.com
nächste Austragung: 2019


Horseshoe-Panorama; die letzten 12km von Tag 1 im Ueberblick. Erkundungstour vor dem Rennen; beim Rennen wars hier windig, dichter Nebel/Wolken und wenig Sicht. Links Crib Goch, rechts die Runde über Pinnacles bei Bwlch Coch, dahinter Garnedd Ugain und daneben der Snowdon, höchster Berg Wales. Abstieg über Bwlch Ciliau, Y Lliwedd, Gallt Y Wenallt. Pic by Timon Abegglen